Johannes 1,19-34 nach Adolf Schlatter
Das Wichtigste in Kürze
2. Das Lamm Gottes
Kerngedanke: Johannes der Täufer tritt zurück, damit Jesus sichtbar wird. Sein Zeugnis: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt.“
Warum ist dieser Abschnitt wichtig? Hier wird zum ersten Mal öffentlich ausgesprochen, wer Jesus ist. Das Zeugnis eines Außenstehenden – Johannes war kein Jünger – hat besonderes Gewicht und bereitet die Offenbarung Jesu vor.
Die zentralen Aussagen:
- Johannes der Täufer ist nicht der Messias – er bereitet nur den Weg
- Jesus ist das Lamm Gottes – er trägt stellvertretend die Sünde der Welt
- Jesus ist der Sohn Gottes – bestätigt durch den Heiligen Geist
- Johannes‘ Aufgabe: Auf Jesus hinweisen, dann zurücktreten
Der Bibeltext (Johannes 1,19-34)
¹⁹ Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden von Jerusalem Priester und Leviten sandten, um ihn zu fragen: Wer bist du? ²⁰ Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus! ²¹ Und sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elia? Und er sprach: Ich bin’s nicht! Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein! ²² Nun sprachen sie zu ihm: Wer bist du denn? Damit wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben: Was sagst du über dich selbst? ²³ Er sprach: Ich bin eine Stimme, die ruft in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn! wie der Prophet Jesaja gesagt hat.
²⁴ Und sie waren abgesandt von den Pharisäern. ²⁵ Und sie fragten ihn und sprachen zu ihm: Warum taufst du denn, wenn du nicht der Christus bist, noch Elia, noch der Prophet? ²⁶ Johannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser; aber mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt, ²⁷ der nach mir kommt, der vor mir gewesen ist; für den ich nicht würdig bin, ihm den Riemen seiner Schuhe zu lösen.
²⁸ Dies geschah in Bethanien, jenseits des Jordan, wo Johannes taufte. ²⁹ Am folgenden Tag sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! ³⁰ Das ist der, von dem ich sagte: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. ³¹ Und ich kannte ihn nicht; aber damit er Israel offenbar würde, darum kam ich, mit Wasser zu taufen. ³² Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah den Geist wie eine Taube vom Himmel herabsteigen, und er blieb auf ihm. ³³ Und ich kannte ihn nicht; aber der mich sandte, mit Wasser zu taufen, der sprach zu mir: Auf welchen du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist’s, der mit Heiligem Geist tauft. ³⁴ Und ich habe es gesehen und bezeuge, dass dieser der Sohn Gottes ist.
(Schlachter 2000)
Abschnitt 2: Das Lamm Gottes
Nach der gewaltigen theologischen Eröffnung des Prologs kommt Johannes nun zu einem konkreten historischen Moment: dem öffentlichen Zeugnis des Täufers. Was im Prolog als ewige Wahrheit verkündet wurde – dass das Wort Fleisch wurde –, wird jetzt in Raum und Zeit bezeugt. Ein Mensch tritt auf und spricht aus, wer Jesus ist. Dieser Mensch ist nicht irgendein Beobachter, sondern Johannes der Täufer, dessen Autorität selbst die religiöse Elite nicht ignorieren kann. Sein Zeugnis ist der offizielle Auftakt des öffentlichen Wirkens Jesu.
1. Das Verhör durch die religiöse Elite (Vers 19–23)
Die Szene beginnt mit einer offiziellen Untersuchung. Die religiöse Elite in Jerusalem – jene Instanz, die über Rechtgläubigkeit und religiöse Autorität wacht – schickt Priester und Leviten zu Johannes. Das sind keine zufälligen Besucher oder neugierigen Zuschauer, sondern offizielle Vertreter der höchsten religiösen Autorität im Land. Ihre Anwesenheit signalisiert: Was Johannes tut, hat solche Ausmaße erreicht, dass es nicht mehr ignoriert werden kann.
Warum diese offizielle Delegation? Weil Johannes zu einer öffentlichen Figur geworden ist, die nicht mehr zu übersehen ist. Menschen strömen aus Jerusalem und ganz Judäa zu ihm, lassen sich taufen, hören seine Botschaft. Er predigt mit einer Autorität, die an die großen Propheten erinnert, und sein Auftreten weckt messianische Erwartungen.
Die Frage der Delegation ist daher unvermeidlich und von größter Tragweite:
Wer bist du?
Es ist keine höfliche Erkundigung, sondern eine Forderung nach Rechenschaft. Beanspruchst du eine messianische Rolle? Mit welchem Recht tust du, was du tust?
Johannes’ Antwort ist bemerkenswert klar und direkt, ohne jede Ausweichung oder Zweideutigkeit. Er verneint dreimal, und jede Verneinung ist kategorisch.
„Ich bin nicht der Christus!“ – das ist die erste und wichtigste Klarstellung. Es gab Menschen, die Johannes für den Messias hielten, die in ihm den erwarteten Erlöser sahen. Aber Johannes weist diesen Anspruch sofort und unmissverständlich zurück. Er lässt keinen Raum für Missverständnisse, keine Möglichkeit, dass seine Zurückhaltung als bescheidene Verschleierung seiner wahren Identität gedeutet werden könnte.
Die Delegation bohrt weiter: Bist du Elia? Die Juden erwarteten, dass der Prophet Elia vor dem Kommen des Messias wiederkehren würde – so hatte es Maleachi prophezeit. Elia sollte den Weg bereiten, die Herzen der Väter zu den Kindern und die Herzen der Kinder zu den Vätern wenden. Aber auch hier ist Johannes’ Antwort eindeutig: „Ich bin’s nicht!“
Das heißt nicht, dass Johannes keine Elia-Rolle erfüllt – Jesus selbst wird später sagen, dass Johannes „im Geist und in der Kraft des Elia“ gekommen ist. Aber Johannes ist nicht die wörtliche Wiederkunft Elias, nicht Elia in Person, und daher ist seine Verneinung korrekt.
Dritte Frage: Bist du der Prophet? Mose hatte einen Propheten angekündigt, der wie er sein würde, dem das Volk gehorchen sollte. Manche sahen in dieser Verheißung eine eigenständige messianische Gestalt, verschieden vom Christus und von Elia. Aber auch das verneint Johannes: „Nein!“ Er passt in keine der erwarteten Kategorien, erfüllt keine der traditionellen messianischen Rollen.
Die Delegation ist nun verwirrt und etwas frustriert. Wenn du weder der Christus bist, noch Elia, noch der Prophet – wer bist du dann? Sie brauchen eine Antwort, die sie denen geben können, die sie gesandt haben. Sie können nicht mit leeren Händen zurückkehren. Und hier gibt Johannes seine eigene Definition, indem er Jesaja 40,3 zitiert:
„Ich bin eine Stimme, die ruft in der Wüste:
Ebnet den Weg des Herrn!„
Das ist eine bemerkenswerte Selbstbeschreibung. Keine Titel, keine Ämter, keine Würden – nur eine Stimme. Eine Stimme ist nichts Bleibendes, nichts Dauerhaftes. Sie erklingt, verkündet ihre Botschaft, und verhallt wieder. Sie ist nicht die Botschaft selbst, sondern nur ihr Träger. So versteht Johannes seine Rolle: Er ist nicht der, auf den die Menschen warten sollen. Er ist der, der auf den Kommenden hinweist. Seine ganze Aufgabe besteht darin, den Weg zu bereiten, die Herzen vorzubereiten, und dann zur Seite zu treten. Er ist die Stimme, nicht das Wort; der Zeuge, nicht das Licht; der Wegbereiter, nicht das Ziel.

2. Die Frage nach der Taufe (Vers 24–28)
Die Pharisäer lassen nicht locker. Wenn Johannes keiner der erwarteten messianischen Gestalten ist – warum tauft er dann? Das ist keine unbedeutende Frage. Die Taufe, wie Johannes sie praktiziert, war kein üblicher jüdischer Ritus. Es gab zwar rituelle Waschungen im Judentum, aber was Johannes tat, war etwas Neues: eine einmalige Taufe zur Umkehr, die den Täufling in einen neuen Zustand versetzte. Diese Art der Taufe wurde mit der messianischen Zeit in Verbindung gebracht, mit der Erneuerung, die der Messias bringen würde.
Wenn Johannes also nicht der Messias ist, nicht Elia, nicht der Prophet – mit welchem Recht praktiziert er dann ein messianisches Zeichen? Die Frage der Pharisäer ist theologisch berechtigt. Sie wollen wissen:
- Auf welcher Autorität beruhst du?
- Wer hat dich beauftragt?
- Was legitimiert dein Handeln?
Johannes’ Antwort ist auf den ersten Blick ausweichend, bei genauerem Hinsehen aber von größter Bedeutung: „Ich taufe mit Wasser; aber mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt.“ Er lenkt den Blick sofort weg von sich selbst hin zu einem anderen. Seine Taufe mit Wasser ist nur vorläufig, nur vorbereitend. Das Entscheidende ist nicht das, was er tut, sondern das, was der andere tun wird. Und dieser andere ist bereits da – „mitten unter euch“ –, aber sie sehen ihn nicht, erkennen ihn nicht, wissen nicht, wer er ist.
Das ist die große Tragik, die sich durch das ganze Johannesevangelium zieht: Der Messias ist bereits gekommen, steht bereits unter den Menschen, ist gegenwärtig – aber die Welt erkennt ihn nicht. Er ist nicht fern, nicht zukünftig, nicht in himmlischer Verborgenheit, sondern „mitten unter euch“. Die religiöse Elite, die so eifrig nach dem Messias fragt, hat ihn bereits vor sich, ohne es zu wissen.
Und dann kommt Johannes’ stärkste Aussage über die Größe dessen, von dem er zeugt:
„Der nach mir kommt, der vor mir gewesen ist; für den ich nicht würdig bin, ihm den Riemen seiner Schuhe zu lösen.“
Das Lösen der Schuhriemen war die niedrigste Sklavenarbeit, eine Aufgabe, die so demütigend war, dass man selbst von jüdischen Sklaven nicht verlangte, sie für ihre Herren zu tun. Und Johannes sagt: Selbst diese niedrigste Dienstleistung bin ich nicht würdig, für ihn zu erfüllen. Der größte Prophet, den Israel je gekannt hat – so bezeugt es später Jesus selbst –, erklärt sich zum Geringsten vor dem Kommenden. Das ist keine falsche Demut, sondern ein wahres Erkennen der unendlichen Differenz zwischen sich selbst und Jesus.
Wenn Johannes schon so groß ist, dass ganz Jerusalem zu ihm hinausströmt – wie groß muss dann der sein, vor dem Johannes sich für unwürdig erklärt, auch nur den geringsten Dienst zu tun?
3. Siehe, das Lamm Gottes (Vers 29–31)
Am nächsten Tag geschieht das Entscheidende. Johannes sieht Jesus auf sich zukommen, und in diesem Moment spricht er die Worte, die zum Zentrum des christlichen Glaubens werden: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ Diese Aussage ist von solcher theologischen Dichte, dass man ganze Bücher darüber schreiben könnte. „Siehe“ – das ist ein Ruf, der zur Aufmerksamkeit mahnt, der sagt: Achtet darauf, seht genau hin, lasst euch das nicht entgehen. Was jetzt kommt, ist von größter Bedeutung.
„Das Lamm Gottes“ – keine zufällige Metapher, sondern eine Formulierung, die tief in die Opfertheologie Israels hineinreicht. Johannes denkt an die täglichen Opfer im Tempel, wo jeden Morgen und jeden Abend ein Lamm geschlachtet wurde zur Sühne für die Sünden des Volkes. Er denkt an das Passahlamm, jenes Tier, dessen Blut in Ägypten an die Türpfosten gestrichen wurde und dessen Tod die Erstgeborenen Israels vor dem Todesengel rettete. Er denkt vielleicht auch an Jesaja 53, wo der leidende Gottesknecht beschrieben wird als einer, der „wie ein Lamm zur Schlachtung geführt wird“ und der „die Sünde vieler trug”.
Alle diese Bilder fließen in Johannes’ Aussage zusammen, aber sie werden zugleich überstiegen. Denn Jesus ist nicht nur ein Lamm unter vielen, nicht nur ein weiteres Opfer in der langen Reihe der Tempelopfer. Er ist „das Lamm Gottes“ – von Gott selbst gegeben, von Gott selbst bestimmt, das endgültige und vollkommene Opfer. Und während die alttestamentlichen Opfer nur die Sünde Israels betrafen, trägt dieses Lamm „die Sünde der Welt“.
Nicht nur eines Volkes, sondern aller Völker; nicht nur einer Zeit, sondern aller Zeiten; nicht nur bestimmter Sünden, sondern der Sünde als solcher.
📖 „Das die Sünde der Welt hinwegnimmt" – nicht: verurteilt, nicht: anprangert, nicht: darüber predigt, sondern: hinwegnimmt, wegträgt, auf sich nimmt. Das griechische Wort kann beides bedeuten: aufheben und wegtragen. Jesus nimmt die Sünde auf sich, um sie wegzutragen, wie das Opferlamm die Schuld des Opfernden auf sich nahm.
Das ist stellvertretendes Tragen, stellvertretendes Leiden, stellvertretender Tod. Das Lamm stirbt anstelle der Schuldigen, nimmt die Strafe auf sich, die anderen gehört, erleidet das Gericht, das anderen galt.
Das ist das Evangelium in einem einzigen Bild zusammengefasst: Jesus, das Lamm Gottes, trägt unsere Schuld. Er nimmt auf sich, was wir verdient haben. Er stirbt den Tod, der uns galt. Und dadurch werden wir frei, werden wir gerettet, empfangen wir Leben.
Kein Wunder, dass dieses Bild durch die ganze Geschichte der Kirche hindurch zentral geblieben ist, dass es in Liturgie und Theologie, in Kunst und Musik immer wieder aufgegriffen wurde. Es fasst das Herzstück des christlichen Glaubens zusammen.
Johannes fügt noch hinzu: „Das ist der, von dem ich sagte: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich.“ Hier wird die zeitliche Paradoxie deutlich. Johannes war älter als Jesus, wurde früher geboren, begann seinen öffentlichen Dienst früher. Nach menschlichem Ermessen kam Jesus nach Johannes. Aber in einer tieferen Wahrheit war Jesus vor Johannes – nicht nur in der Rangordnung und Bedeutung, sondern in der Existenz selbst. Das erinnert an den Prolog: „Im Anfang war das Wort.“ Jesus ist nicht erst mit seiner Geburt in Bethlehem ins Dasein gekommen. Er war schon immer, von Ewigkeit her, und darum ist er „eher” als Johannes, obwohl er zeitlich später geboren wurde.
4. Der Geist bleibt auf ihm (Vers 32–34)
Nun erzählt Johannes, was bei der Taufe Jesu geschah – das Zeichen, durch das Gott selbst Jesus als den Messias bestätigte. „Ich sah den Geist wie eine Taube vom Himmel herabsteigen, und er blieb auf ihm.“ Das Herabkommen des Geistes war nicht unsichtbar oder innerlich, sondern sichtbar, wahrnehmbar, bezeugt. Die Gestalt einer Taube – ein Bild für Sanftmut, Reinheit, göttliche Gegenwart – machte das Geschehen anschaulich.
Aber entscheidend ist nicht nur, dass der Geist herabkam, sondern dass er blieb. Das unterscheidet Jesus von allen Propheten vor ihm. Bei den Propheten des Alten Testaments kam der Geist zeitweise, für bestimmte Aufgaben, in besonderen Momenten – und ging dann wieder. Der Geist Gottes ruhte nicht dauerhaft auf ihnen. Aber bei Jesus ist es anders: Der Geist kommt herab und bleibt auf ihm. Vollständig, dauerhaft, unaufhörlich. Jesus ist nicht nur zeitweise vom Geist erfüllt, sondern der Geist wohnt bleibend in ihm, wirkt ununterbrochen durch ihn, ist untrennbar mit ihm verbunden.
Das war das Zeichen, das Gott Johannes gegeben hatte: „Der mich sandte, mit Wasser zu taufen, der sprach zu mir: Auf welchen du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist’s, der mit Heiligem Geist tauft.“ Gott selbst hatte Johannes instruiert, wie er den Messias erkennen würde. Es war kein menschliches Urteil, keine Vermutung, keine Interpretation – sondern göttliche Offenbarung, göttliches Zeichen, göttliche Bestätigung. Und als Johannes Jesus taufte und den Geist wie eine Taube herabkommen und auf Jesus bleiben sah, wusste er:
💡 Das ist er. Der, auf den alles zuläuft. Der Messias. Der Sohn Gottes.
Und Jesus wird nicht nur empfangen, was Johannes gibt – Wasser zur Umkehr –, sondern er wird geben, was unvergleichlich größer ist: „Der ist’s, der mit Heiligem Geist tauft.“ Johannes’ Taufe war mit Wasser, einem äußeren Element, das äußere Reinigung symbolisierte und zur Umkehr aufrief. Aber Jesus’ Taufe ist mit dem Heiligen Geist – innere Erneuerung, neues Leben, Gottes eigene Gegenwart im Gläubigen. Die Wassertaufe bereitet vor, die Geisttaufe vollendet. Die Wassertaufe ist Symbol, die Geisttaufe ist Wirklichkeit. An Pfingsten wird Jesus diese Verheißung erfüllen, wenn der Geist ausgegossen wird auf alle, die an ihn glauben.
Und dann Johannes’ letztes, größtes Zeugnis: „Und ich habe es gesehen und bezeuge, dass dieser der Sohn Gottes ist.“ Nicht: ein Sohn Gottes, nicht: ein besonders gottesfürchtiger Mensch, nicht: ein Prophet, der Gott nahe ist. Sondern: der Sohn Gottes – der einzige, der eingeborene, der in einzigartiger Weise zu Gott gehört. Johannes gibt Jesus drei Titel, die zusammen die vollständige Offenbarung seiner Identität darstellen: das Lamm Gottes (er trägt die Sünde), der, der mit Heiligem Geist tauft (er gibt den Geist), der Sohn Gottes (er ist göttlich). Mehr kann nicht gesagt werden. Alles Wesentliche über Jesus ist hiermit ausgesprochen.
Zusammenfassung: Was uns dieser Abschnitt sagt
Das Zeugnis des Täufers ist der offizielle Auftakt des öffentlichen Wirkens Jesu. Was im Prolog in kosmischen Dimensionen verkündet wurde, wird jetzt konkret und historisch bezeugt. Ein Mensch tritt auf und spricht aus, wer Jesus ist – nicht aus eigener Vermutung, sondern aufgrund göttlicher Offenbarung.
Wortwelt Summary
- Johannes der Täufer ist nicht der Messias. Er ist nur die Stimme, der Wegbereiter, der Zeuge. Seine ganze Größe besteht darin, dass er auf einen anderen hinweist und dann zurücktritt. Er weiß, dass seine Aufgabe darin besteht, Jesus sichtbar zu machen, nicht sich selbst. „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ – das wird später sein Motto sein. Und schon hier, am Anfang, lebt er danach.
- Jesus ist das Lamm Gottes. Er trägt die Sünde der Welt, nicht durch Belehrung oder Vorbild, sondern durch stellvertretendes Opfer. Er nimmt auf sich, was uns gehört; er leidet, was wir verdient haben; er stirbt den Tod, der uns galt. Das ist das Herzstück des Evangeliums, die Mitte der christlichen Botschaft: Erlösung durch stellvertretendes Sühneopfer.
- Jesus tauft mit Heiligem Geist. Er gibt nicht nur äußere Zeichen oder moralische Anweisungen, sondern den Geist Gottes selbst. Er erneuert von innen, schenkt neues Leben, macht Gottes Gegenwart zur Wirklichkeit im Gläubigen. Die Geisttaufe ist mehr als die Wassertaufe, wie die Wirklichkeit mehr ist als das Symbol.
- Jesus ist der Sohn Gottes. Nicht ein Prophet unter vielen, nicht ein Lehrer unter anderen, nicht ein religiöser Führer, der besonders gottesfürchtig war. Sondern der Sohn in einzigartigem Sinn, göttlich, ewig, dem Vater gleich. Das Zeugnis des Johannes lässt keinen Raum für eine verminderte Christologie, für ein Jesus-Bild, das ihn nur als besonders guten Menschen sieht. Jesus ist Gott, der Mensch wurde.
- Das Zeugnis des Johannes ist eindeutig, klar, unmissverständlich. Es lässt keinen Raum für Zweifel oder Ausflüchte. Jesus ist der, auf den Israel gewartet hat – und mehr als das: Er ist der Retter der Welt, das Lamm Gottes, der Geist-Täufer, der Sohn Gottes. Wer dieses Zeugnis hört und annimmt, hat das Evangelium gehört.
Häufig gestellte Fragen
Warum sagt Johannes, er sei nicht Elia?
Jesus selbst sagt später, dass Johannes „im Geist und in der Kraft des Elia“ gekommen ist (Matthäus 11,14). Aber Johannes ist nicht die wörtliche Wiederkunft Elias. Er erfüllt Elias Rolle (Wegbereiter des Messias), ist aber nicht Elia selbst. Deshalb antwortet Johannes korrekt: „Ich bin’s nicht.“
Was bedeutet „Lamm Gottes“ genau?
Der Begriff verbindet mehrere alttestamentliche Bilder: (1) Die täglichen Opferlämmer im Tempel, die für Sünde starben. (2) Das Passahlamm, dessen Blut Israel in Ägypten rettete. (3) Der leidende Gottesknecht in Jesaja 53, der „wie ein Lamm zur Schlachtung“ geführt wird. Jesus erfüllt alle diese Bilder – er ist das endgültige Opfer für die Sünde.
Warum betont Johannes, dass er Jesus „nicht kannte“?
Johannes und Jesus waren Verwandte (ihre Mütter Elisabeth und Maria waren verwandt). Aber Johannes betont: Ich erkannte ihn nicht als Messias, bis Gott es mir offenbarte. Das Zeugnis des Johannes beruht nicht auf familiärer Zuneigung, sondern auf göttlicher Offenbarung – deshalb hat es Gewicht.
Was heißt „mit Heiligem Geist taufen“?
Johannes tauft mit Wasser – ein äußeres Zeichen der Umkehr. Jesus tauft mit Heiligem Geist – er gibt innere Erneuerung, neues Leben, Gottes Gegenwart selbst. Die Wassertaufe bereitet vor, die Geisttaufe vollendet. An Pfingsten wird Jesus diese Verheißung erfüllen.
Warum ist das Zeugnis des Johannes so wichtig?
Weil Johannes ein Außenstehender war – kein Jünger Jesu, kein Interessenvertreter. Er war ein anerkannter Prophet, dem das Volk vertraute. Sein Zeugnis über Jesus hat deshalb besonderes Gewicht. Zudem erfüllt Johannes eine prophetische Rolle: Er bereitet den Weg und tritt dann zurück – genau wie vorhergesagt.
Was ist mit „mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt“ gemeint?
Jesus war bereits unter den Menschen, aber sie erkannten ihn nicht als Messias. Er lebte 30 Jahre in Nazareth, unbekannt und verborgen. Jetzt, bei seiner Taufe, wird er öffentlich offenbart. Die Tragik: Der Retter ist da – aber die Welt sieht ihn nicht. Das gilt auch heute: Jesus ist gegenwärtig, aber viele kennen ihn nicht.
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📖 Teil der Serie: Das Johannesevangelium verstehen
Dieser Beitrag ist Teil einer fortlaufenden Auslegung des Johannesevangeliums nach Adolf Schlatter – in moderner, verständlicher Sprache.
Zuletzt aktualisiert: Dezember 2025






