Das Wort wurde Fleisch

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Das Wort wurde Fleisch - Johannes 1,1-18 nach Adolf Schlatter

Johannes 1,1-18 nach Adolf Schlatter

Das Wichtigste in Kürze

1. Das Wort wurde Fleisch

Kerngedanke: Jesus ist nicht nur ein besonderer Mensch, sondern Gott selbst, der Mensch wird. Das ewige Wort, durch das alles geschaffen wurde, tritt in die Welt ein und wohnt unter uns.

Warum ist dieser Abschnitt wichtig? Der Prolog des Johannesevangeliums legt das theologische Fundament für alles Weitere. Hier wird ausgesprochen, wer Jesus wirklich ist: nicht ein Prophet unter vielen, sondern der fleischgewordene Gott, der uns seinen Vater offenbart.

Die zentralen Aussagen:

  • Das Wort war am Anfang bei Gott – es ist Gott selbst
  • Durch das Wort wurde alles geschaffen, ohne es existiert nichts
  • Das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns in Gnade und Wahrheit
  • Wer an Jesus glaubt, wird durch göttliche Geburt Kind Gottes

Der Bibeltext (Johannes 1,1-18)


Abschnitt 1: Das Wort wurde Fleisch

D

ie ersten Verse des Johannesevangeliums gehören zu den tiefgründigsten Texten der gesamten Bibel. Johannes beginnt nicht mit der Geburt Jesu in Bethlehem, nicht mit den äußeren Umständen seiner Ankunft, sondern er führt uns in die Ewigkeit zurück. „Im Anfang war das Wort“ – dieser Satz öffnet eine Perspektive, die alles Folgende trägt und erhellt. Hier geht es nicht um Geschichte im gewöhnlichen Sinn, sondern um die Grundlage aller Geschichte, um das Fundament der Wirklichkeit selbst.

Was Johannes hier entfaltet, ist keine poetische Meditation, sondern eine theologische Aussage von höchster Präzision. Jedes Wort ist gewählt, jeder Satz trägt Gewicht. Der Prolog ist wie ein Portal, durch das wir hindurchgehen müssen, um das gesamte Evangelium zu verstehen. Wer Jesus begegnen will, muss zuerst wissen, wer er ist – nicht nur als historische Figur, sondern in seinem göttlichen Wesen.

Ästhetische, leuchtende Darstellung der Inkarnation: Ein Säugling schwebt in einem goldenen Lichtwirbel unter der Taube des Heiligen Geistes, umrahmt von einem Bogen mit Engeln und ruhend über einer offenen Bibel auf einem Steinaltar.

1. Im Anfang war das Wort (Vers 1–2)

Das Wort ist Gott selbst

Johannes beginnt nicht mit Bethlehem, nicht mit der Krippe, nicht mit Maria. Er beginnt mit der Ewigkeit: „Im Anfang war das Wort.“ Das ist keine poetische Einleitung, sondern Theologie von höchster Klarheit – ein Satz, der alles Kommende trägt und erklärt. Der Leser, der mit der hebräischen Bibel vertraut ist, hört sofort den Anklang an 1. Mose 1,1: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.” Johannes will zeigen: Was dort begann, hat hier seine tiefere Bedeutung.

Mit „das Wort“ meint Johannes nicht Buchstaben auf Papier oder einen flüchtigen Gedanken, sondern Gottes Wort – jenes Wort, durch das Gott sich mitteilt, durch das er handelt und sich offenbart. Im Alten Testament spricht Gott – und es geschieht. „Es werde Licht”, sagt Gott, und das Licht entsteht. Das Wort Gottes ist nicht nur Information, es ist schöpferische Kraft, es ist Handlung, es ist Gottes Selbstmitteilung an die Welt.

Und dieses Wort, das Johannes hier beschreibt, war nicht irgendwann entstanden. Es war schon immer, war im Anfang, war bei Gott. Bevor Zeit und Raum existierten, bevor irgendetwas geschaffen wurde, war das Wort bereits da. Und dann kommt der entscheidende, alles verändernde Satz: Es war Gott. Nicht: Es war göttlich. Nicht: Es kam von Gott. Sondern: Es war Gott – mit der ganzen Fülle göttlichen Seins.

Nicht nur „von Gott“ – sondern Gott selbst

Man könnte zunächst sagen: Das Wort kommt von Gott, es gehört zu Gott, es ist ihm nahe. Aber Johannes geht weiter, viel weiter. Er sagt nicht nur, dass das Wort göttliche Eigenschaften hat oder Gott besonders ähnlich ist – er sagt: Das Wort ist Gott, mit seiner ganzen Herrlichkeit, mit seinem ganzen Leben.

Das bedeutet nicht, dass hier ein kleiner Teil von Gott gemeint ist, als könnte man Gott in Stücke teilen oder portionieren. Sondern Gott selbst – ganz und vollständig – ist in seinem Wort gegenwärtig. Das Wort ist nicht weniger als Gott, nicht ein Abgesandter oder Bote, der von Gott getrennt wäre, sondern Gott in seiner vollen Wirklichkeit. Wenn wir dem Wort begegnen, begegnen wir Gott.

Wie gehören Gott und das Wort zusammen?

Das ist schwer zu fassen, und doch ist es entscheidend für alles Weitere: Das Wort kommt von Gott, aber es geht nicht weg von ihm, als würde es sich von seiner Quelle entfernen. Es ist unterschieden von Gott – Johannes sagt ja „das Wort war bei Gott„, was eine gewisse Gegenüberstellung andeutet – und doch nicht getrennt von ihm. Man könnte sagen:

Das Wort ist Gottes Glanz, in dem er selbst leuchtet; es ist sein Ausdruck, in dem er ganz gegenwärtig bleibt; es ist seine Selbstmitteilung, in der er sich nicht verliert, sondern ganz gibt.

Das ist viel vollkommener als alles, was wir aus unserer menschlichen Erfahrung kennen. Wenn wir Menschen sprechen, dann trennt sich unser Wort von uns – es geht hinaus, erreicht andere, aber wir selbst bleiben zurück. Wenn wir etwas schaffen, dann ist unser Werk von uns verschieden, trägt vielleicht unsere Handschrift, aber ist nicht wir selbst.
Bei Gott aber ist es anders: Im Wort gibt sich Gott ganz selbst. Alles, was Gott ist, geht in das Wort ein, ohne dass Gott dabei weniger würde oder das Wort etwas anderes wäre als Gott. Deshalb ist das Wort Gott gleich – nicht nur ähnlich, nicht nur verwandt, sondern gleich in Wesen und Herrlichkeit.


2. Alles ist durch das Wort entstanden (Vers 3)

Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist.“ Johannes kehrt zurück zum Schöpfungsbericht, aber er beleuchtet ihn von einer neuen Seite. In 1. Mose 1 heißt es: „Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.” Gott erschafft durch sein Wort – er spricht, und die Wirklichkeit entsteht. Das Wort ist nicht nur Mitteilung, sondern schöpferische Kraft.

Aber Johannes sagt noch mehr. Er sagt nicht nur: Gott sprach ein Wort, und die Welt entstand. Er sagt: Durch das Wort – durch Jesus – wurde alles geschaffen. Das Wort ist nicht nur das Instrument der Schöpfung, sondern ihr Urheber, ihr Grund, ihr tragendes Prinzip. Alles, was existiert, verdankt dem Wort sein Dasein. Kein Stern, kein Baum, kein Mensch existiert unabhängig vom Wort.

Und Johannes betont das mit einer doppelten Formulierung: „Alles ist durch dasselbe entstanden“ – das ist die positive Aussage. Und dann die negative Verstärkung: „Und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist.” Nicht eine einzige Sache existiert ohne das Wort. Es gibt keine Ausnahme, keinen Bereich der Wirklichkeit, der nicht vom Wort getragen wäre.

Das bedeutet:


3. In ihm war Leben (Vers 4–5)

In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ Wieder eine Aussage von größter Dichte. Johannes sagt nicht: In ihm wurde Leben, oder: In ihm entstand Leben. Sondern: In ihm war Leben – von Anfang an, immer schon, als ursprüngliche Wirklichkeit. Das Wort ist nicht nur Schöpfer des Lebens, es ist selbst lebendiges Leben, die Quelle alles Lebendigen.

Dieses Leben ist nicht biologisches Leben im gewöhnlichen Sinn – nicht das Leben, das wir mit Essen und Trinken erhalten, nicht das Leben, das geboren wird und stirbt. Es ist das Leben Gottes selbst: ewiges, unzerstörbares, heiliges Leben. Und dieses Leben, das im Wort wohnt, ist zugleich „das Licht der Menschen„. Das heißt:

Es ist nicht nur Leben für sich selbst, nicht verschlossen in göttlicher Ferne, sondern es strahlt aus, es leuchtet, es gibt Orientierung und Erkenntnis. Wo dieses Leben hinkommt, wird es hell; wo dieses Leben wirkt, können Menschen sehen, verstehen, ihren Weg finden.

Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.“ Das ist zugleich eine Verheißung und eine Tragik. Die Verheißung: Das Licht scheint trotzdem, es scheint in die Finsternis hinein, es lässt sich nicht aufhalten, nicht verdrängen, nicht auslöschen. Die Welt mag dunkel sein, der Mensch mag blind sein, die Sünde mag alles verdunkelt haben – aber das Licht scheint dennoch. Es dringt durch, es wirkt, es gibt nicht auf.

Die Tragik: Die Finsternis hat es nicht begriffen. Das griechische Wort kann zweierlei bedeuten: Die Finsternis hat das Licht nicht verstanden – und: Die Finsternis hat das Licht nicht überwältigt. Beides ist wahr. Die Welt versteht Jesus nicht, sie erkennt nicht, wer er ist und was er bringt. Aber sie kann ihn auch nicht besiegen, nicht auslöschen, nicht zum Schweigen bringen. Das Licht bleibt, auch wenn die Finsternis es ablehnt.


4. Das Zeugnis des Johannes (Vers 6–8)

Jetzt wechselt der Ton. Aus der Ewigkeit kommen wir in die Zeit, aus dem Himmel auf die Erde. „Es war ein Mensch, von Gott gesandt; sein Name war Johannes.“ Nach den gewaltigen, kosmischen Aussagen über das ewige Wort erscheint plötzlich ein Mensch – konkret, geschichtlich, mit einem Namen. Dieser Mensch ist Johannes der Täufer, und er hat eine klar umrissene Aufgabe: Zeugnis geben.

Dieser kam zum Zeugnis, um von dem Licht Zeugnis zu geben, damit alle durch ihn glaubten.“ Johannes ist Zeuge – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein Zeuge erzählt, was er gesehen und gehört hat. Er macht aufmerksam, er weist hin, er ruft: Schaut, dort! Ein Zeuge steht nicht selbst im Mittelpunkt, sondern lenkt den Blick auf einen anderen. Und genau das ist die Aufgabe des Täufers: Er soll die Menschen auf Jesus hinweisen, damit sie glauben.

Aber es muss sofort klargestellt werden: „Nicht er war das Licht, sondern er sollte Zeugnis geben von dem Licht.“ Warum diese Betonung? Weil es Menschen gab, die Johannes für den Messias hielten. Seine Predigt war kraftvoll, seine Botschaft radikal, sein Auftreten beeindruckend. Viele folgten ihm, ließen sich von ihm taufen, hielten ihn für den Erlöser.

Aber Johannes selbst weiß: Ich bin nicht das Licht. Ich bin nur die Stimme, die auf das Licht hinweist. Ich bin der Zeuge, nicht der Retter. Meine Aufgabe ist es, zurückzutreten, damit Jesus sichtbar wird.


5. Das wahre Licht kommt in die Welt (Vers 9–13)

Das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen.“ Johannes spricht vom „wahren” Licht – ein Hinweis darauf, dass es auch falsches Licht gibt, Scheinlicht, Irrlicht. Es gibt viele Stimmen, die behaupten, den Weg zu zeigen. Es gibt viele Lichter, die versprechen, die Finsternis zu vertreiben. Aber nur eines ist das wahre Licht, das wirklich erleuchten kann: Jesus.

Und dieses Licht ist nicht nur für Israel da, nicht nur für eine Gruppe von Auserwählten, sondern es erleuchtet „jeden Menschen“. Die Botschaft ist universal:


Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht.“ Das ist das große Paradox, das sich durch das ganze Evangelium zieht: Der Schöpfer kommt in seine Schöpfung – und wird nicht erkannt. Die Welt, die durch ihn existiert, die jeden Atemzug ihm verdankt, sieht ihn nicht. Das ist nicht nur intellektuelle Blindheit, sondern tiefere geistliche Verblendung: Die Sünde hat den Blick verdunkelt, sodass die Menschen nicht erkennen, wer vor ihnen steht.

Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Das ist noch schmerzlicher. Israel war Gottes Volk, sein besonderes Eigentum. Gott hatte es erwählt, durch die Geschichte geführt, durch Propheten unterwiesen, auf den Messias vorbereitet. Und als der Messias dann wirklich kam, lehnten sie ihn ab. Das eigene Volk verweigerte ihm die Aufnahme, verschloss die Tür, wollte ihn nicht haben. Die größte Tragödie der Geschichte.

Aber dann kommt die Umkehr, die Hoffnung, das Evangelium: „Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Die Mehrheit lehnt ab – aber es gibt welche, die aufnehmen. Es gibt Menschen, die Jesus sehen, erkennen, annehmen, an seinen Namen glauben. Und was bekommen sie? Das Anrecht, Kinder Gottes zu werden – nicht Diener, nicht Freunde, sondern Kinder, mit allen Rechten und aller Nähe, die zu dieser Beziehung gehören.

Wie geschieht das? „Die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“ Es ist nicht Sache der natürlichen Geburt – man wird nicht als Kind Gottes geboren, weil die Eltern gläubig sind. Es ist nicht Sache menschlicher Entscheidung oder Anstrengung – man kann sich nicht selbst zum Kind Gottes machen.

Es ist eine neue Geburt, eine Geburt aus Gott, ein göttliches Wirken, das dem Menschen geschenkt wird, wenn er glaubt. Das ist das Evangelium in einem Satz: Glaube an Jesus – und du wirst durch göttliche Geburt Kind Gottes


6. Das Wort wurde Fleisch (Vers 14)

Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Das ist der Höhepunkt des Prologs, der Kern der christlichen Botschaft, das Unerhörte, das alles verändert. Das ewige Wort, der Schöpfer, Gott selbst – wurde Fleisch. Nicht: Er nahm einen Körper an, wie man ein Gewand anzieht, das man auch wieder ablegen kann. Nicht: Er erschien in menschlicher Gestalt, blieb aber innerlich göttlich fern. Sondern:

Er wurde Fleisch – wirklich, vollständig, ohne Vorbehalt.

„Fleisch“ ist im biblischen Denken nicht nur der Körper, sondern der ganze Mensch in seiner Gebrechlichkeit, in seiner Sterblichkeit, in seiner Bedürftigkeit.

📖 Fleisch bedeutet: schwach, vergänglich, abhängig. Fleisch bedeutet: Hunger und Durst, Müdigkeit und Schmerz, Freude und Trauer. Und genau das wurde das Wort: ein Mensch wie wir, mit allem, was dazugehört – nur ohne Sünde.

utet: schwach, vergänglich, abhängig. Fleisch bedeutet: Hunger und Durst, Müdigkeit und Schmerz, Freude und Trauer. Und genau das wurde das Wort: ein Mensch wie wir, mit allem, was dazugehört – nur ohne Sünde.Und wohnte unter uns.“ Das griechische Wort bedeutet wörtlich: „er zeltete unter uns”, eine bewusste Anspielung auf das Zelt der Begegnung, den Ort im Alten Testament, wo Gott bei seinem Volk wohnte. Damals wohnte Gott in einem Zelt aus Stoff, das die Israeliten durch die Wüste trugen. Jetzt wohnt Gott in einem Menschen aus Fleisch und Blut, der durch das Land geht, mit den Menschen isst und trinkt, mit ihnen spricht und leidet.

Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Johannes war dabei. Er gehörte zu denen, die Jesus gesehen haben – nicht nur äußerlich, sondern in seiner wahren Identität. Sie sahen seine Herrlichkeit, nicht die Herrlichkeit eines irdischen Königs mit Krone und Thron, nicht die Herrlichkeit von Macht und Reichtum, sondern die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater – eine Herrlichkeit, die sich in Gnade und Wahrheit zeigt, in bedingungsloser Liebe und unverrückbarer Treue.


7. Gnade um Gnade (Vers 15–18)

Johannes legte Zeugnis ab von ihm, rief und sprach: Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mir kommt, ist vor mir gewesen, denn er war eher als ich.“ Wieder tritt Johannes der Täufer auf, und wieder betont er: Jesus ist größer als ich. Johannes war älter, er begann seinen Dienst früher, er hatte bereits eine große Anhängerschaft. Aber er sagt: Jesus war vor mir – nicht nur zeitlich (im Sinne von: früher geboren), sondern in der Rangordnung, in der Bedeutung, in der Ewigkeit. Jesus, der nach Johannes kam, war schon vor ihm, weil er von Anfang an ist, weil er das ewige Wort ist.

Und aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade um Gnade.“ Das ist die Erfahrung der Jünger, der ersten Christen, aller Gläubigen: Jesus ist nicht arm an Gnade, er hat keine begrenzte Menge, die irgendwann aufgebraucht wäre. Er hat Fülle – unerschöpfliche, überfließende Fülle. Und aus dieser Fülle empfangen wir, immer wieder, ohne Ende: Gnade um Gnade, eine Gnade folgt auf die andere, es hört nicht auf, es wird nicht weniger, es versiegt nie.

Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ Das ist kein Gegensatz, sondern eine Steigerung. Mose brachte das Gesetz – und das war gut und notwendig. Das Gesetz zeigt Gottes Willen, es lehrt den Menschen, was richtig und falsch ist, es ordnet das Leben des Volkes. Aber Jesus bringt mehr: Er bringt die Gnade und die Wahrheit. Das Gesetz zeigt, was sein sollte; die Gnade schenkt die Kraft, es zu tun. Das Gesetz fordert; die Gnade befähigt. Die Wahrheit offenbart, wer Gott wirklich ist – nicht nur als Gesetzgeber, sondern als liebender Vater.

Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat Aufschluss [über ihn] gegeben.“ Das ist das letzte Wort des Prologs, die abschließende Zusammenfassung. Gott ist unsichtbar, unzugänglich, jenseits aller menschlichen Erfahrung. Niemand hat ihn gesehen – niemand kann ihn aus eigener Kraft erkennen. Aber jetzt hat der Sohn ihn offenbart, hat ihn ans Licht gebracht, hat ihn erklärt. Jesus, der im Schoß des Vaters ist – in engster Gemeinschaft, in völliger Vertrautheit, in liebender Nähe –, hat uns gezeigt, wer Gott ist.

Wer Jesus sieht, sieht den Vater. Wer Jesus hört, hört Gott. Wer Jesus kennt, kennt Gott.

Das ist die Botschaft des Prologs, die Botschaft des ganzen Evangeliums: In Jesus ist Gott selbst zu uns gekommen, hat sich uns gezeigt, hat mit uns geredet. Die Inkarnation ist Gottes letzte, vollkommene Selbstoffenbarung


Zusammenfassung: Was uns dieser Abschnitt sagt

Wortwelt Summary

  • Der Prolog des Johannesevangeliums ist keine sanfte Einleitung, keine poetische Ouvertüre. Er ist eine theologische Explosion, eine Offenbarung von größter Tragweite. Was Johannes hier in achtzehn Versen sagt, prägt alles Weitere, erklärt alles, was Jesus tut und sagt, gibt uns den Schlüssel zum Verständnis des gesamten Evangeliums.
  • Jesus ist Gott. Das ist die erste, grundlegende Aussage. Er war schon immer, von Anfang an, in Ewigkeit. Er ist nicht ein besonderer Mensch, der zu Gott wurde, nicht ein Prophet, der Gott besonders nahe kam. Er ist Gott selbst, das ewige Wort, durch das alles geschaffen wurde. Er ist der Schöpfer, das Leben, das Licht – Gott in Person.
  • Jesus wurde Mensch. Das ist die zweite, ebenso unerhörte Aussage. Das ewige Wort nahm Fleisch an, wurde ein Mensch wie wir, mit allem, was dazugehört. Gott wohnte unter uns, nicht in ferner Majestät, sondern in greifbarer Nähe. Wir konnten seine Herrlichkeit sehen, nicht als blendende Lichtgestalt, sondern als Gnade und Wahrheit in menschlicher Gestalt.
  • Jesus offenbart Gott. Das ist die dritte, entscheidende Aussage. Niemand hat Gott je gesehen – aber der Sohn hat ihn uns gezeigt. In Jesus begegnen wir Gott selbst, in Jesus sehen wir, wer Gott ist, in Jesus hören wir Gottes Stimme. Die Inkarnation ist nicht nur ein historisches Ereignis, sondern Gottes endgültige Selbstmitteilung an die Welt.
  • Durch Jesus werden wir Kinder Gottes. Das ist die vierte, persönliche Aussage. Wer an Jesus glaubt, wer ihn aufnimmt, wird durch göttliche Geburt in die Familie Gottes hineingenommen. Nicht durch eigene Leistung, nicht durch Abstammung, sondern durch Glauben an den, der das Wort ist, der Fleisch wurde, der Gott offenbart. Das ist das Evangelium: Glaube an Jesus – und du wirst Kind Gottes, beschenkt mit Gnade um Gnade, getragen von seiner unerschöpflichen Fülle.

Das ist der Grund, warum wir dieses Buch lesen. Das ist die Botschaft, die Johannes verkündet. Das ist die Wahrheit, die unser Leben verändert.


Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet „das Wort“ im Johannesevangelium?

„Das Wort“ (griechisch: Logos) ist Jesus Christus. Es bezeichnet Gottes Selbstoffenbarung – Gott teilt sich durch sein Wort mit, und dieses Wort ist Jesus selbst. Es ist keine abstrakte Idee, sondern eine Person.

Warum beginnt Johannes mit „Im Anfang“?

Johannes knüpft bewusst an 1. Mose 1,1 an („Im Anfang schuf Gott“). Er zeigt damit: Jesus war nicht erst bei der Geburt in Bethlehem da, sondern von Anfang an – vor aller Schöpfung.

Was heißt „das Wort wurde Fleisch“?

Es bedeutet, dass Gott wirklich Mensch wurde – nicht nur in Gestalt, sondern in vollständiger menschlicher Natur. Jesus hatte einen echten Körper, echte Gefühle, echte Bedürfnisse. Das ist die Inkarnation (Fleischwerdung) Gottes.

Wer ist der Johannes in Vers 6?

Das ist Johannes der Täufer (nicht Johannes der Evangelist, der das Evangelium schrieb). Er war der Vorläufer Jesu, der die Menschen auf den kommenden Messias vorbereiten sollte.

Wie wird man „Kind Gottes“?

Vers 12 sagt es klar: Durch Glauben an Jesus. Es ist keine Frage der Abstammung oder eigener Anstrengung, sondern ein Geschenk Gottes an alle, die Jesus aufnehmen und an seinen Namen glauben.

Warum ist dieser Abschnitt so wichtig?

Weil er das theologische Fundament für das gesamte Evangelium legt. Alles, was Jesus später sagt und tut, wird von hier aus verständlich: Er ist nicht nur ein Prophet oder Lehrer, sondern Gott selbst, der Mensch wurde, um uns zu retten.


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→ Nächster Abschnitt: Das Zeugnis des Täufers (Joh 1,19-34)

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📖 Teil der Serie: Das Johannesevangelium verstehen

Dieser Beitrag ist Teil einer fortlaufenden Auslegung des Johannesevangeliums nach Adolf Schlatter – in moderner, verständlicher Sprache.


Zuletzt aktualisiert: November 2025

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