Jesus beruft erste Jünger

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Jesus beruft Andreas und Johannes als erste Jünger am Jordan

Johannes 1,35–51 nach Adolf Schlatter

Das Wichtigste in Kürze

3. Erste Jünger Jesu

Kerngedanke: Jesus sammelt seine ersten Jünger – nicht durch Zwang oder Überredung, sondern durch persönliche Begegnung und göttliche Berufung. Jeder findet auf einem eigenen Weg zu ihm.

Warum ist dieser Abschnitt wichtig? Hier beginnt die Gemeinschaft zwischen Jesus und seinen Jüngern, jene Beziehung, die zum Fundament der Kirche werden wird. Wir sehen, wie unterschiedlich die Wege zu Jesus sind – und doch führen sie alle zum gleichen Ziel.

Die zentralen Aussagen:

  • Jesus sammelt seine Jünger persönlich – sie sind keine zufälligen Nachfolger
  • Jeder Jünger kommt auf einem eigenen Weg zu Jesus
  • Die Jünger sind nicht perfekt, aber aufrichtig in ihrer Suche
  • Petrus erhält seinen Namen und damit seine Berufung zum Fundament der Gemeinde
  • Jesus verspricht: “Ihr werdet Größeres sehen” – der Himmel ist offen über ihm

3. Die ersten Jünger

Nach dem öffentlichen Zeugnis des Täufers und der theologischen Offenbarung von Jesu Identität wendet sich das Evangelium nun einem intimeren, persönlicheren Geschehen zu: der Berufung der ersten Jünger. Johannes der Evangelist erzählt uns hier seine eigene Geschichte – denn er war einer dieser beiden Jünger, die dem Täufer zuhörten und dann Jesus nachgingen. Was er hier berichtet, ist nicht nur historische Dokumentation, sondern das Zeugnis einer persönlichen Wende, die große Wendung seines Lebens, die ihm alles gab, was er war: seinen Anteil an Gott und seine Arbeit in der Welt.


Der Bibeltext (Johannes 1,35–51)

⁴⁰ Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer von den beiden, die es von Johannes gehört hatten und ihm nachgefolgt waren. ⁴¹ Dieser findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden (das heißt übersetzt: den Gesalbten)! ⁴² Und er führte ihn zu Jesus. Jesus aber sah ihn an und sprach: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen (das wird übersetzt: Fels).

⁴³ Am folgenden Tag wollte Jesus nach Galiläa reisen; da findet er Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! ⁴⁴ Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und des Petrus. ⁴⁵ Philippus findet den Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn Josephs, von Nazareth. ⁴⁶ Und Nathanael sprach zu ihm: Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!

⁴⁷ Jesus sah den Nathanael auf sich zukommen und spricht von ihm: Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in dem keine Falschheit ist! ⁴⁸ Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe dich Philippus rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich! ⁴⁹ Nathanael antwortete und sprach zu ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel! ⁵⁰ Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir sagte: Ich sah dich unter dem Feigenbaum? Du wirst Größeres sehen als das! ⁵¹ Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Künftig werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen!


Abschnitt 3: Die ersten Jünger

Nach dem öffentlichen Zeugnis des Täufers und der theologischen Offenbarung von Jesu Identität wendet sich das Evangelium nun einem intimeren, persönlicheren Geschehen zu: der Berufung der ersten Jünger.

Johannes der Evangelist erzählt uns hier seine eigene Geschichte – denn er war einer dieser beiden Jünger, die dem Täufer zuhörten und dann Jesus nachgingen. Was er hier berichtet, ist nicht nur historische Dokumentation, sondern das Zeugnis einer persönlichen Wende, die große Wendung seines Lebens, die ihm alles gab, was er war: seinen Anteil an Gott und seine Arbeit in der Welt.

1. Andreas und Johannes folgen Jesus (Vers 35–42)

Das Zeugnis des Täufers wiederholt sich

Auch den nächsten Tag hebt Johannes hervor – einen Tag, der für ihn persönlich von größter Bedeutung war, denn es war der Tag, an dem er selbst zu Jesus kam. Der Täufer steht wieder da, umgeben von seinen Jüngern, und Jesus geht vorüber. Was zwischen Jesus und dem Täufer an diesem Morgen gesprochen wurde, erfahren wir nicht; der Evangelist konzentriert sich auf einen einzigen Moment: Johannes der Täufer sieht Jesus wandern und wiederholt sein Zeugnis vom Vortag: „Siehe, das Lamm Gottes!“

Er hatte kein besseres Wort, keine prägnantere Formulierung gefunden, um kurz und deutlich zu sagen, wie sich ihm Jesu Gemeinschaft mit Gott, sein Beruf und sein Unterschied von allen anderen darstellte.
Das Lamm Gottes – das war alles: die stellvertretende Sühne, das göttliche Opfer, die Rettung der Welt. Dieses Wort genügte.

Zwei Jünger folgen schweigend

Und es genügte auch für zwei seiner Jünger. „Und die beiden Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.“ Dieses Wort ergriff sie. Sie wollten Gottes Lamm nicht davonziehen lassen, wollten zu denen gehören, deren Sünde es wegnimmt. Schweigend gingen sie Jesus nach; es war nicht ihre Sache, sich ihm anzubieten oder sich aufzudrängen. Sie folgten einfach – von einer tiefen Sehnsucht getrieben, die sie selbst noch nicht ganz verstanden.

Für Johannes war es ein guter Anfang seines Christenstandes, dass er von Anfang an deshalb zu Jesus kam, weil er Gottes Lamm in ihm sah. Nicht Neugier, nicht die Faszination eines charismatischen Lehrers, nicht die Hoffnung auf politische Befreiung – sondern die Erkenntnis, dass dieser Mann die Sünde der Welt trägt.

Dichte Wolken von Missverstand, sündlicher Frömmigkeit und falscher Theologie haben Jesu Arbeit an den Menschen, auch an seinen Jüngern, oft erschwert. Aber auch dafür hat Gottes Regierung immer wieder gesorgt, dass der Nebel zerriss und der Blick der Menschen für das erwachte, was die Gnade schuf. Weil Johannes von Anfang an zum Lamm Gottes kam, deshalb lag er auch später in der Leidensnacht an Jesu Brust und stand unter seinem Kreuz.

Jesu erste Frage: “Was sucht ihr?”

Jesus wandte sich um, sah sie ihm nachgehen und stellte eine Frage – die erste Frage, die uns der Evangelist aus Jesu Mund berichtet, zugleich die erste, die Jesus an ihn selbst gerichtet hat: 

„Was sucht ihr?“ 

Es hat unnachahmliche Einfalt und Natürlichkeit, dieses Wort. Was sucht ihr? Ja, wenn sie das nur selbst gewusst hätten! Der Täufer hatte Jesus als den Christus gepriesen, durch den Gott seine Gemeinde vollendet, als Gottes Lamm, das er für sich geheiligt hat und das sich ihm ergibt, sodass die menschliche Sünde durch ihn beseitigt wird.

Aber wie nun dies geschehe, auf welchem Wege er sein Ziel herstelle, was er ihnen gewähren wolle und wie er sie brauchen könne – was konnten sie damals darüber sagen?

Sie antworten mit einer Gegenfrage, die zugleich eine Bitte ist: „Rabbi, wo wohnst du?“ Das ist das Erste, was sie suchen: sie möchten wissen, wo sie ihn finden können, möchten verhüten, dass er ihnen unerreichbar wird, möchten den Zugang zu ihm behalten. Nicht theologische Belehrung, nicht Wunder, nicht Zeichen – nur dies: bei ihm bleiben dürfen, zu ihm kommen können, in seiner Nähe sein.

Jesu Antwort ist einfach und einladend: „Kommt und seht!“ Und sie kamen, sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm. Der Evangelist erinnert sich noch nach Jahrzehnten an die ungefähre Uhrzeit: „Es war aber um die zehnte Stunde“– etwa vier Uhr nachmittags nach unserer Zeitrechnung, vielleicht nur noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang. Aber diese zwei Stunden reichten aus. In diesen wenigen Stunden, in diesem ersten Gespräch mit Jesus, empfingen sie den Einblick in sein Ziel, der ihr Leben für immer verändern sollte. So ward Johannes Jesu Eigentum, und er blieb es.

Andreas findet seinen Bruder

Einer der beiden Jünger war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Und Andreas tat als erstes das, was jeder tut, der etwas Großes entdeckt hat: er teilte es seinem Bruder mit. 

„Wir haben den Messias gefunden!“ 

– keine theologische Abhandlung, keine ausführliche Erklärung, nur diese schlichte, gewaltige Aussage: der Verheißene ist da. Beide Männer – Andreas und der andere Jünger, der ungenannt bleibt, aber zweifellos Johannes selbst ist – hatten Brüder, und ihnen brachten sie das gewaltige Wort, das ihnen nun zur Gewissheit geworden war.

Der Evangelist bemerkt beiläufig: „Dieser findet zuerst seinen Bruder Simon.“ Das Wort „zuerst“ deutet an, dass später auch der andere – Johannes – seinen Bruder Jakobus fand. So hören wir, wie der erste Anschluss der vier Hauptjünger an Jesus geschah: Andreas und Johannes kamen durch das Zeugnis des Täufers, Simon und Jakobus durch ihre Brüder.

Simon wird zu Petrus

Andreas führte Simon zu Jesus, und nun geschieht etwas Bedeutsames. 

„Jesus sah ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du wirst Kephas heißen.“ 

Kephas ist aramäisch und bedeutet Fels; im Griechischen wird daraus Petrus. Jesus gibt Simon einen neuen Namen – nicht als bloßen Ersatz für den alten, sondern als Ausdruck seiner Berufung, dessen, wozu Gott ihn brauchen wird.

Jesu erstes und wichtigstes Anliegen in dieser Anfangszeit war die Sammlung und Berufung seiner Jünger, weil er auf sie zur Ausrichtung seines Werks angewiesen war. Durch ihren Dienst würde Gottes Wort und Gnade zur Menschheit kommen und die Gemeinde entstehen, die mit Jesus verbunden ist und durch ihn ihr Leben in Gott hat.
Dadurch, dass ihm Gott Jünger zuführte, bekam das Wort die Hörer, die es aufnahmen, und die Liebe die Empfänger ihrer Gabe, denen sie sich mit allen ihren Gütern schenken konnte.

Mit diesen Jüngern war Jesus auch für später das Werkzeug gegeben, durch das seine Sendung zu ihrem Ziel gelangen würde: der Mund, durch den er Gottes Wort in die Welt hinaus sprechen kann, die Hand, durch die er die Menschheit zu sich zieht, die Reben, die der Weinstock aus sich erzeugt und an denen seine Frucht hernach wachsen wird. Deshalb gab es für Jesus kein göttliches Geschenk, das er dem gleichschätzte, dass Gott ihm Jünger gab. Darum hat er auch ihre Berufung mit dem Vater besprochen, ihn um seine Leitung bei ihr gebeten – und sie auch empfangen.

Darum wusste er, als Simon zu ihm kam: Mit diesem ist dir der feste Grund zur Gemeinde gegeben. Dieser wird dein Gehilfe und Genosse und dir als dein Bote dienen. Keine Macht der Welt wird dir den wieder rauben, sondern mit fester Kraft wird er den Kreis der Deinen halten und tragen, wie der Fels den Bau trägt, der auf ihm steht.

Nicht ein Lob Simons ist damit ausgesprochen, nicht eine Beschreibung seiner natürlichen Art und Eigenschaft; auf die natürliche Art und das Temperament der Menschen hat Jesus nichts gebaut. Auch nicht bloß ein neuer Name ist ihm damit beigelegt, der an die Stelle seines alten Namens treten sollte. Vielmehr erhält er zu seinem alten Namen „Simon“ einen neuen, der das ausdrückt, wozu ihn Gott braucht, was er unter Jesu Führung in seinem Dienst vollbringen darf. Wie Jesus der Name Christus gegeben ist, der ihn zum Herrn der Gemeinde bestellt, so gibt er Simon den Namen „Petrus”, der ihn zu dem bestellt, der die Kirche sammeln, halten und stärken wird.

Schon hier ist das Verhältnis zwischen Johannes und Petrus in derselben Weise beschrieben, wie es später im Evangelium öfter wieder zum Vorschein kommt. Beiden war ein besonderer Vorzug gegeben: Johannes war der erste, der zu Jesus kam, hatte den hellsten Blick für ihn und stand ihm bleibend am nächsten. Petrus aber hatte vor ihm die nach außen durchbrechende Tat und den wirksamen Dienst voraus. Nicht schon in Johannes, sondern in Simon hat Jesus den erkannt, auf den er seine Gemeinde stellen wird.

Petrus erhält seinen Namen von Jesus - Johannes 1,42

2. Philippus und Nathanael (Vers 43–51)

Philippus wird berufen

Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa weggehen, und dabei findet er Philippus. Wieder ein anderer Weg zu Jesus: Die ersten beiden Jünger führte das Wort des Täufers zu ihm, Simon holte Andreas, aber Philippus fordert Jesus selbst auf, mit ihm zu ziehen: „Folge mir!“ Jeder der Jünger findet den Zugang zu Jesus in besonderer Weise, und doch sind alle diese Wege von Gott bereitet und geführt.

Der Evangelist hebt hervor, dass es auch bei Philippus nicht an einer natürlichen Beziehung fehlte, die seinen Zutritt zum Jüngerkreis erleichterte: Er war wie Petrus und Andreas aus Bethsaida, kannte sie also schon längst. Dass diese ihm bekannten Männer sich zu Jesus hielten, gab auch ihm zum Glauben Mut. Gott bedient sich oft solcher natürlichen Verbindungen, um seine übernatürlichen Ziele zu erreichen.

Der Zweifler Nathanael

Mit der Botschaft vom Kommen des Verheißenen überrascht Philippus nun seinen Freund Nathanael: 

„Den, von dem Mose im Gesetz und die Propheten schrieben, haben wir gefunden – Jesus, den Sohn Josephs, aus Nazareth.“

Philippus ist überzeugt, begeistert, gewiss. Aber Nathanael reagiert anders. Da Philippus Jesus mit demjenigen Namen nennt, mit dem ihn alle seine Zeitgenossen bezeichneten, regt sich gleich der jüdische Anstoß an Jesu Niedrigkeit: „Aus Nazareth kann etwas Gutes sein?“

War Nazareth die rechte Heimat des Christus? Aus dem Dörflein in den galiläischen Hügeln, das niemand kannte außer den Landeskundigen, stammt der Herr im Himmelreich, den Engel und Menschen ewiglich loben? Scharf empfindet Nathanael diesen Anstoß. Auf die Schrift hatte sich Philippus berufen und Jesus den genannt, von dem Mose und die Propheten schrieben; Nazareth aber stimmt nicht mit der Schrift, nicht mit den Verheißungen, nicht mit der Erwartung eines königlichen Messias aus Bethlehem, der Stadt Davids. Nathanael lächelt über den Toren, der einem Christus aus Nazareth nachläuft.

Derselbe Spott ist noch durch Jahrhunderte hindurch fortgesetzt worden. Die Priester und Lehrer Jerusalems haben die Christenheit „die Nazarener“ genannt und gemeint, schon dieser Name mache ihre Torheit offenbar. Aber Philippus gab Nathanael die einzige Antwort, die zu geben war: „Komm und sieh!“ 
Nicht Argumente, nicht theologische Debatten, nicht Beweise – nur die Einladung zur persönlichen Begegnung. Und Nathanael kommt. Er traut dem Christus aus Nazareth nicht, wagt aber nicht, über das Zeugnis derer, die Jesus kennen, in blindem Hochmut abzusprechen.

Jesus kennt Nathanael

Als Jesus Nathanael auf sich zukommen sieht, spricht er ein bemerkenswertes Wort: „Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in dem keine Falschheit ist!“ Obgleich Nathanael mit starkem Argwohn kommt, noch nicht als Gläubiger, freut sich Jesus dennoch an ihm – seiner Aufrichtigkeit wegen. Nathanael spricht aus, was ihn stärkt und was ihn schwächt. Er ist kein Heuchler, der seinen Zweifel versteckt und Glauben vortäuscht. Er ist ehrlich in seiner Skepsis.

Ein echter Israelit ist er, wenn er sich an der Niedrigkeit Jesu stößt, alsbald nach der Herrlichkeit des Christus verlangt, darum sich gegen Nazareth sträubt und es nicht versteht, wie einer aus Nazareth vor die Welt als Christus treten könne. Und ein echter Israelit ist er auch darum, weil ihn dennoch die Botschaft von der Ankunft des Verheißenen nicht ruhen lässt, sondern die Hoffnung Israels ihn treibt, sich nach dem umzusehen, der sie zu erfüllen verspricht.

In diesem freudigen Wort liegt zugleich ein tiefer Schmerz. Ein Israelit ohne Lug und Trug! Jesus bezeichnet das als eine große Sache und macht dadurch sichtbar, wie sehr er unter der Heuchelei und Unredlichkeit Israels gelitten hat, wie tief ihm all die frommen Lügen und Listen desselben die Seele verwundeten. Hier trifft er doch einen, der redlich ist – und so nimmt er ihn freudig auf als Bürgschaft dafür, dass, wo nur Redlichkeit sei, auch der Jude den Weg zu ihm finden wird.

Nathanael ist verwirrt: „Woher kennst du mich?“ Und Jesus antwortet: „Ehe dich Philippus rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“ Auch dieses Wort entsprang der Zwiesprache Jesu mit dem Vater, die seine Auswahl der Jünger begleitete und regelte. Er war auf Nathanaels Kommen vorbereitet; der Vater hatte ihn ihm gezeigt, ehe er kam. Wenn wir vermuteten, dass Nathanael unter dem Feigenbaum etwas erlebt oder bedacht hatte, was für sein inneres Leben von Bedeutung war, würden wir schwerlich fehlgreifen – vielleicht ein Gebet, eine Meditation über die Schrift, ein innerer Kampf. Doch hat uns der Evangelist nicht gesagt, was dort geschehen ist, sondern legt darauf den Nachdruck, dass Jesus Nathanael schon kannte, als er zu ihm kam, und Gott ihm einen Blick in sein Herz und Leben verschafft hatte, ehe er ihn als seinen Jünger bei sich aufgenommen hat.

Größeres werdet ihr sehen

Da vergaß Nathanael Nazareth. Die Niedrigkeit Jesu ist dadurch überstrahlt, dass ihm der Blick in sein Herz gegeben war, und er gibt Jesus die Namen, die dem Verheißenen gebühren: 

„Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels!“

 Sein Bekenntnis nennt Jesus Glauben und bestätigt es dadurch. Aber er gibt ihm gleichzeitig die Verheißung, dass er in seiner Gemeinschaft noch Größeres sehen und dadurch für seinen Glauben noch einen reicheren und festeren Grund empfangen werde: „Du glaubst, weil ich dir sagte: Ich sah dich unter dem Feigenbaum? Du wirst Größeres sehen als das!“

Und dann folgt eine Verheißung, die nicht nur an Nathanael, sondern an alle Jünger gerichtet ist – darum wechselt Jesus vom Singular zum Plural: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Künftig werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen!“

Das ist eine Anspielung auf Jakobs Traum in Bethel, wo er die Himmelsleiter sah mit den Engeln, die auf ihr auf- und niederstiegen. Aber Jesus sagt: Nicht eine Leiter werdet ihr sehen, sondern den Sohn des Menschen selbst als die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Der Himmel ist für ihn offen, und die herrlichen Geister Gottes begleiten ihn, unterstützen ihn bei seinem Werk und gehen darum als die willigen Boten zwischen ihm und dem göttlichen Throne auf und nieder.

Mit dankbarer Freude nahm Jesus aus der Hand des Vaters die Männer an, die ihm als seine Mitarbeiter in seinem Heilandsamt dienen werden. Es sind jedoch nicht einzig sie seine Diener und Gehilfen; vielmehr ist der Himmel für ihn offen, und alle Macht und Herrlichkeit des Himmels steht ihm zur Seite. Er sagt seinen Jüngern zum Trost und zur Erhebung über alle Verzagtheit am Anfang ihrer Jüngerschaft, dass nicht bloß sie, die wenigen und schwachen Männer, mit ihm Gottes Werk zu treiben haben, sondern dass alle himmlischen Mächte mit ihm sind.


Zusammenfassung: Was uns dieser Abschnitt sagt

Dieser Abschnitt zeigt uns den Beginn der Jüngergemeinschaft mit Jesus – und damit den Anfang dessen, was später zur Kirche werden wird. Jeder der Jünger kommt auf einem eigenen Weg zu Jesus: Andreas und Johannes durch das Zeugnis des Täufers, Simon durch seinen Bruder Andreas, Philippus durch Jesu direkten Ruf, Nathanael als Zweifelnder, der durch Jesu übernatürliche Kenntnis überzeugt wird. Aber alle diese verschiedenen Wege sind von Gott bereitet und geführt.

Jesus sammelt seine Jünger persönlich. Sie sind nicht zufällige Anhänger einer Bewegung, nicht Bewunderer eines charismatischen Lehrers, nicht politische Aktivisten, die auf einen Befreier hoffen. Jesus ruft sie einzeln, kennt sie, sieht in ihr Herz, bereitet ihre Berufung in der Zwiesprache mit dem Vater vor. Die Jüngerschaft beginnt nicht mit menschlichem Entschluss, sondern mit göttlicher Erwählung.

Die Jünger sind nicht perfekt. Sie verstehen noch nicht, was sie suchen. Sie haben Zweifel – wie Nathanael –, natürliche Beziehungen und menschliche Schwächen. Aber sie haben etwas Entscheidendes: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, die Bereitschaft zu kommen und zu sehen. Das genügt Jesus. Er baut nicht auf die natürliche Art und das Temperament der Menschen, sondern auf das, was die Gnade aus ihnen machen wird.

Petrus erhält seinen Namen und seine Berufung. Nicht wegen seiner natürlichen Stärke, nicht wegen seiner Persönlichkeit, sondern weil Gott ihn dazu bestimmt hat, wird Simon zu Petrus, zum Fels, auf dem die Gemeinde gebaut werden wird. Die Berufung geht der Qualifikation voraus; Gott ruft, und der Ruf schafft, was er fordert.

Jesus verspricht: “Ihr werdet Größeres sehen.” Der Glaube der Jünger beruht am Anfang auf einfachen Erfahrungen – ein Wort des Täufers, die Kenntnis einer verborgenen Szene unter dem Feigenbaum. Aber Jesus verspricht ihnen, dass dies erst der Anfang ist. Sie werden den Himmel offen sehen, werden erleben, wie alle Macht und Herrlichkeit Gottes mit Jesus ist, werden Zeugen seiner göttlichen Autorität und seines erlösenden Werks werden. Der Glaube wächst nicht aus spektakulären Zeichen, aber er wird durch sie bestätigt und gestärkt.

Die Kirche beginnt nicht mit Massen, sondern mit Einzelnen. Nicht tausende Anhänger, nicht öffentliche Triumphe, sondern persönliche Begegnungen, stille Berufungen, einfache Gespräche – so beginnt das Reich Gottes. Und doch liegt in diesen wenigen Männern bereits der Keim der weltumspannenden Kirche, die durch ihren Dienst entstehen wird.


Häufig gestellte Fragen

Warum nennt Johannes nicht seinen eigenen Namen im Evangelium?

Johannes der Evangelist bezeichnet sich selbst immer als „der Jünger, den Jesus liebte“ oder hier als einer „von den beiden”. Das ist nicht falsche Bescheidenheit, sondern Ausdruck seiner Identität: Er definiert sich nicht durch seinen Namen, sondern durch seine Beziehung zu Jesus. Das ist das Wichtigste an ihm – nicht wer er ist, sondern wessen er ist.

Was bedeutet die „zehnte Stunde“?

Nach jüdischer Zeitrechnung, die vom Sonnenaufgang an zählt, wäre das etwa 16 Uhr nachmittags. Johannes erinnert sich Jahrzehnte später noch an diese Uhrzeit – ein Zeichen dafür, wie bedeutsam dieser Moment für ihn war. Es war die Stunde, in der sein Leben eine völlig neue Richtung nahm.

Warum gibt Jesus Simon sofort einen neuen Namen?

Der neue Name „Kephas/Petrus“ (Fels) ist nicht bloß ein Spitzname, sondern Ausdruck von Gottes Berufung. Wie im Alten Testament Gott Abraham und Jakob neue Namen gab, die ihre neue Identität ausdrückten, so gibt Jesus Simon einen Namen, der seine zukünftige Rolle in der Gemeinde beschreibt. Der Name ist Verheißung und Auftrag zugleich.

Was war unter dem Feigenbaum?

Das Evangelium sagt es uns nicht, aber vermutlich war es ein Moment privaten Gebets oder der Schriftmeditation. Der Feigenbaum war ein Symbol für Frieden und häusliches Leben, oft ein Ort der Ruhe und Besinnung. Dass Jesus diesen privaten Moment kannte, zeigte Nathanael, dass Jesus übernatürliche Kenntnis besaß.

Warum war Nathanael so skeptisch gegenüber Nazareth?

Nazareth war ein unbedeutendes Dorf, das in keiner messianischen Prophezeiung erwähnt wurde. Die Schrift sprach von Bethlehem als Geburtsort des Messias (Micha 5,1). Für einen schriftkundigen Juden wie Nathanael schien die Herkunft aus Nazareth ein klarer Beweis gegen Jesu messianischen Anspruch zu sein. Seine Skepsis war theologisch begründet, nicht bloß Vorurteil.

Was bedeutet „den Himmel offen sehen“?

Jesus verspricht seinen Jüngern, dass sie erleben werden, wie er in ständiger Gemeinschaft mit dem Vater steht und die himmlischen Mächte ihm dienen. Die Engel, die auf ihm auf- und niedersteigen, zeigen: Jesus ist die Verbindung zwischen Himmel und Erde, der Mittler, durch den Gottes Herrschaft in die Welt kommt. Die Jünger werden Zeugen dieser göttlichen Dimension seines Wirkens sein.


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📖 Teil der Serie: Das Johannesevangelium verstehen

Dieser Beitrag ist Teil einer fortlaufenden Auslegung des Johannesevangeliums nach Adolf Schlatter – in moderner, verständlicher Sprache.


Zuletzt aktualisiert: November 2025

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